Kein Kitsch, kein Klamauk: DS-Kurs bietet beste Unterhaltung
"Bianca und die sieben Zwerge" begeistert das Publikum

Die eitle Stiefmutter schaut in den Spiegel, der selbstverliebte Märchendichter posiert für ein Selfie, Männer brauchen Bundesliga, Frauen wollen Lebendigkeit - die Märchen-Collage "Bianca und die sieben Zwerge" von Patricia Liedtke-Wittenborn lässt auf köstliche Weise deutlich werden, was Menschen umtreibt. Die Moderatoren Ron Starke und Julius Abel werden zu Mediatoren, sie kennen Grimms Märchenwelt mit all ihren Gefahren, Gestalten und Überraschungen.

Tatsächlich kommen Nico Schulte und Thai-Tony Nguyen als Gebrüder Grimm des Wegs, um mal zu schauen, was aus ihren Werken geworden ist. Sie müssten begeistert sein von dem, was der DS-Kurs von Gesine Vespermann einem großen Publikum in bester Spiellaune geboten hat. Adrian Bode und Jana Schulze können sich dank moderner Inhumanmedizin als Königspaar ihren Kinderwunsch erfüllen. Statt eines Säuglings bekommen sie Zwillinge, die hormonell bereits zu explodieren drohen und handykrank sind:  "Bianca 1 und Bianca 2" (sympathisch: Michelle Walaschek und Enya Feldmann).

Philippe Schenk, Josef Werner, Phil Böhning, Erik Franz, Nicolai Schein, Michel Kümmel und Joscha Rathert wissen als Zwerge zu gefallen. Als kleinwüchsige Gestalten haben sie Probleme, aber sie reden wenigstens darüber, jeder auf seine Art: eisenhart, windelweich, atemlos, abgeklärt, süßlich, anzüglich, großspurig... Eine junges Ding wie Bianca in ihrem Bett, das haben ihnen diese Gebrüder eingebrockt, diese Wortschatzsucher. Der Saal brüllt, die Spielleitung strahlt. Jannik Rauchmann und und Fatmir Prengjoni vervollständigen den Reigen der Mannsbilder.

Überall lauern Gegenwart und Weltbezug an diesem Märchenabend: Fathbart Prengjoni begeistert als Bodyguard im Blindflug, Typ deutscher Geheimdienst mit Migrationshintergrund. Leonie Hoffmann hat als böse Stiefmutter ihre Not mit der Tyrannei der Topmodelwelt. Wenn es um die Wahrheit geht, kennen die Spiegelgesichter Leonie Lötzer und Fenyah Vehling im sicher bewältigten Duett kein Pardon. Mitleid ist ein Fremdwort geworden im deutschen Märchenwald. Der Mensch ist des Märchens Wolf. Gut, dass ein lebenshungriges "Rotkäppchen" wie Anne Marie Schulz auch noch da ist mit ihrem üppigen Korb Seniorenhäppchen.

Kampfszenen im unsichtbaren Bühnenwald, Gesangsdarbietungen von größter Zartheit und ein Finale mit einer riesigen Hochzeitsgesellschaft, die Bianca-Braut dem "Problem-Wolfi" vom Kiez (herrlich tierisch: Piet Steinhorst) ausliefert, ehe ein Freudentanz ausbricht - Beispiele kreativer Regiearbeit. Unterstützend wirkte Regieassistentin Tabea Dargatz mit. Was Hausmeister Riad Stubbla nicht schaffte, erledigten die Techniker um Dorothee Lange. Studiendirektorin Cornelia Kastning äußerte sich am Ende begeistert von der Darbietung. Dass die Schüler des 10. Jahrgangs erst in diesem Schuljahr mit Darstellendem Spiel begonnen haben und dass Gesine Vespermann mit "Bianca" ihr erstes großes Stück inszenierte, ist sicher auch nur eins dieser Märchen.

Volkmar Heuer-Strathmann